Askese der Gedanken


Wie bei allen aszetischen Übungen ist es wichtig deren tiefsten Sinn zu verstehen. Es geht bei der Aszese der Gedanken darum, daß wir aus der großen Zerstreutheit und gedanklicher Fremdbestimmung aufbrechen und unter der Führung des Heiligen Geistes eine weitgehende Herrschaft über unser Denken gewinnen. Da sich unser Denken aus Liebe zu Gott seinem Willen unterordnen möchte, ist die Frucht einer gelungenen aszetischen Übung das Wachstum in der Liebe zu Gott, welche uns auch fähiger macht, die Menschen zu lieben.

Schon der Mönchsvater Benedikt erklärt, daß böse Gedanken am Felsen Christi zerschmettert werden sollen und die Heilige Schrift weiß: "Böse Gedanken trennen von Gott".

Ein aufmerksamer "Jünger des Lammes" wird sich weder bösen Gedanken, noch einfach auf ihn einströmenden Gedanken überlassen, sondern unterscheiden, welchen Gedanken er seine Aufmerksamkeit zuwendet und welchen nicht, welche Gedanken er bewußt denkt und weiterentwickelt und welche es nicht wert sind. Er wird auch lernen den Zeitpunkt zu bestimmen, wann er welchen Gedanken Raum gibt. Je mehr er die Schule der Gedankenaszese verwirklicht wird er wahrnehmen, daß auch unnütze Gedanken der Spannkraft seiner Seele Schaden zufügen.

Aus geistlicher Sicht sind Gedanken besonders dann gut und fruchtbar, wenn sie stärker und inniger mit Gott verbinden, d.h. die Liebe zu Gott und zu den Menschen vertiefen. Ein geisterfülltes Denken ist somit die konkrete Umsetzung des 1. Gebotes: "Du sollst Gott Deinen Herrn lieben, aus ganzem Herzen aus ganzer Seele und mit all Deinen Kräften."

Der „Jünger des Lammes“ wird, wenn er den Weg der Gedankenaskese beschreitet, schnell feststellen, wie viele falsche, schädliche, illusorische, selbstbezogene und eitle Gedanken ihn beherrschen wollen, sich in seinem täglichen Denken niederschlagen und zu seiner Desintegration beitragen. Er wird merken wie viele nutzlose Diskussionen und Gespräche er in seinem Inneren führt, wie viele "Hirngespinste" sich in ihm finden (1). Dabei ist die Gedankenflut häufig nicht nur freiwillig, sondern beschäftigt den Menschen auch unfreiwillig und stören besonders das Gebet, die innere Sammlung und vermögen den Gesamtzustand der Seele zu schwächen (2).

Zunächst gilt es folg. Entscheidungen zu treffen:

a) alle freiwilligen, d.h. bewußten Gedanken, die im Widerspruch zu Gott und den Menschen stehen, sind grundsätzlich zu bekämpfen .

b) alle freiwilligen unnützen Gedanken sind ebenfalls zu meiden, da sie unsere Aufmerksamkeit vom Wesentlichen ablenken.

c) allen unfreiwilligen bösen Gedanken sind keine besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden, sondern die Konzentration auf die eigentliche Absicht unserer Willensrichtung zu lenken. (3)

d) alle unfreiwilligen unfruchtbaren und unnützen Gedanken sind nicht zu beachten, sondern man soll sie an sich vorbeiziehen lassen und die Aufmerksamkeit auf die eigentliche Absicht der Willensrichtung lenken.



zu a)

So wie ich in der Nachfolge Christi jede böse Tat vermeide, mir u.U. Gewalt antun muß, um nicht in eine Versuchung einzuwilligen, so ist es auch mit den Gedanken. Diese gehen der bösen Tat in der Regel voraus und bereiten den Weg zur Ausführung und Umsetzung. Deshalb ist mein Geist gerufen in einer inneren Aufmerksamkeit über meine Gedanken zu wachen und jedes Mal den bösen Gedanken zu wehren, indem ich den Namen Jesu oder den Heiligen Geist anrufe oder ein ähnliches geeignetes geistliches Mittel anwende, um die Gedanken zu vertreiben. Auf diesem Weg verweigere ich den bösen Gedanken meine willentliche Zustimmung und dies ist entscheidend (4). Dabei ist zu unterscheiden, ob mich z.B. heftige böse Gedanken wie unvorbereitet anfallen und eine Art diktatorischer Herrschaft über mich ergreifen wollen, oder ob sie mehr oder weniger langsam in mir aufsteigen und als Verlockung oder Störung präsent sind. Im ersteren Falle handelt es sich häufig um direkte Angriffe von satanischen Mächten, im zweiten Falle sind es meist Gedanken, die aus meinem Herzen aufsteigen, wobei es auch zu einer Verbindung von beiden Momenten kommen kann (5).

Im ersten Fall gilt es sich sofort mit dem Worte Gottes zu wappnen, den Namen des Herrn anzurufen u. U. auch ein geeignetes Absagegebet an die Mächte des Bösen zu sprechen. Meist kehrt mit einer solch entschiedenen Haltung und Kampfbereitschaft nach einiger Zeit Ruhe ein und die Seele findet ihren Frieden zurück! Gott lehrt uns durch solche Zulassungen große Wachsamkeit und es wächst das feste Vertrauen auf seine Stärke und Gegenwart.
Im zweiten Fall dauert der Kampf in der Regel länger, denn jetzt geht es nicht nur um die kurzzeitige Abwehr dieser bösen Gedanken, sondern um eine dauernde innere Zuwendung zu Gott. Das beharrliche Anrufen seines Namens schwächt die Kraft der bösen Gedanken und gleichzeitig geschieht in unserem Inneren eine Öffnung für den Heiligen Geist. Gott nutzt diesen Umstand, um unser Herz zu reinigen und liebesfähiger zu machen.

Beide Weisen des aszetischen Ringens können nur dann gelingen, wenn ich in meinem Herzen nicht in die bösen Gedanken einwillige, nicht mit ihnen diskutiere oder gar "verhandle", mich ihrem evtl. Reiz aussetze, oder denke, daß sie eine Berechtigung haben. Nur in einem solchen Fall ist die Kraft vorhanden diese Gedanken mit ihrer zerstörenden Kraft im Herrn zu meistern und zu überwinden. Andernfalls bin ich von innen heraus geschwächt, denn es besteht u.U. noch eine geheime Zustimmung, die es mir dann unmöglich macht, mich entschieden genug zu distanzieren und die entsprechenden geistlichen Mittel zu ergreifen (6).



zu b)

Hier geht die Entscheidung zur Gewinnung der „Reinheit des Herzens„ noch tiefer. Während böse und zerstörerische Gedanken im Lichte des Evangeliums relativ leicht
zu identifizieren sind und ihre Vermeidung einsichtig ist, so bedarf die Distanzierung von unnötigen Gedanken eine vertiefte Entscheidung für den Weg der Vollkommenheit. Damit einher geht eine feinere Wahrnehmung für die Ansprache des Heiligen Geistes im Inneren der Seele und für die Wahrnehmung des Zustandes der Seele. Ein Wort des heiligen Paulus weist der feineren Form der Gedankenaskese den Weg: „ Alles ist erlaubt, aber nicht alles frommt„. Hier ist in Erinnerung zu rufen, daß die Gedankenaszese nicht primär die nur sündigen Gedanken zu bekämpfen hat, sondern den Menschen ruft, auch erlaubte Gedanken zu beschneiden, damit die innere Aufmerksamkeit auf Gott hin wächst und die Seele eine größere Freiheit erlangt. Auch in diesem Fall ist eine klare innere Entscheidung von großer Bedeutung. Sie kann uns zunächst in die Krise führen, denn wir sind gewohnt uns den harmlosen gedanklichen Zerstreuungen hinzugeben, ohne uns über die geistlichen Konsequenzen im Klaren zu sein. Leicht können nach einem Entschluß, den Weg zur größeren Vollkommenheit beschreiten zu wollen, "Einreden" entstehen, daß man z.B. bei einer solch weitgehenden Entscheidung die natürliche Lebensfreude oder eine gewisse "Leichtigkeit des Seins" verlieren könnte (7). Das ist ein Täuschungsmanöver. Das Ziel eines solchen Weges ist nicht ein verbissenes und verkrampftes Abkapseln, sondern eine tiefere Öffnung für die Liebe Gottes. Die Beziehung zu Gott wird intensiver, so daß mit der Zeit ein innerer Maßstab erwächst, der zum Wegweiser wird und nicht erlaubt, uns gedanklichen Zerstreuungen einfach zu überlassen. Allerdings kann das Verlassen der bekannten Verhaltensweisen zunächst eine Art innere Wüste bedeuten in denen uns die gewohnten Gedanken einfordern möchten. Selbstverständlich ist für einen solchen Weg eine notwendige Beschneindung gegenüber der Informationsfülle, die täglich auf den Menschen einströmt, unerläßlich!

Die Gedankenaskese wird sehr unterstützt durch die Praxis des Herzensgebetes. Jene Gebetsweise, die darum bemüht ist, zu einem "immerwährenden Gebet" zu werden, erlaubt auch während verschiedenen Tätigkeiten, die nicht die ganze Aufmerksamkeit erfordern, das innere Gebet weiterzuführen und so das Herz und den Verstand an das Gebet zu gewöhnen. Eine Frucht ist, daß der Geschmack am inneren Gebet wächst und der Geist selbst uns zügelt, sich nicht unnötigerweise gedanklichen Zerstreuungen hinzugeben, um den inneren Geschmack der Sammlung in Gott nicht zu verlieren.