Gesunde Grundlage des geistlichen Lebens

Das geistliche Leben, welches wir als ein „Wachsen in der Liebe" bezeichnen können, wird in den klassischen Begriffen von Reinigung, Erleuchtung und Vereinigung beschrieben. Es steht jenen Menschen offen, die dem Ruf Gottes aufrichtig folgen. Der Heilige Geist, der die Liebe des Vaters und des Sohnes ist, wirkt in unseren Herzen, um uns nach dem Bilde Christi zu verwandeln. Der Mensch, der „aus dem Geist und dem Wasser„ wiedergeboren ist, formt sich unter seinem milden Einfluss und wird fähig, die Liebe Gottes immer mehr in sich aufzunehmen, in ihr zu leben und zu wirken - also ein wahrhaft liebender Mensch zu werden.

Für diesen gnadenhaften Weg der Nachfolge Christi ist es zunächst wichtig, ihn auf eine sichere und stabile Grundlage zu stellen, die immer gegenwärtig ist und bleibt. Auch der Jünger Christi, welcher der Einladung Christi gefolgt ist, hat deswegen noch nicht die Schwächen seiner menschlichen Natur überwunden und braucht den beständigen Beistand Gottes. Er soll auf diesem Pfad weder zu Schaden kommen, noch sich verirren! Deshalb ist es ein großes Geschenk, wenn uns ein geistlich erfahrener Mensch zur Seite steht und uns guten Rat gibt. Die Kirche reicht viele Hilfsmittel auf dem Weg der Nachfolge, um den Jünger zu stärken und zu belehren. In ihrem Schoß gibt es nicht wenige erleuchtete geistliche Lehrer, die uns über den Weg der Nachfolge Christi Kunde geben.

Die sichere und gesunde Basis, auf der wir unser Leben aufbauen und mit großem Vertrauen und Freude den „Weg des Lammes„ beschreiten können, ist die Liebe des himmlischen Vaters.

Die Liebe unseres himmlischen Vaters ist der Grund unser menschlichen Existenz, wie es uns die Heilige Schrift anschaulich bezeugt: „Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich„, heißt es in Genesis 1,26.
Für Gott gab es keine Notwendigkeit, uns ins Leben zu rufen - ihm würde nichts an der Fülle des Seins mangeln, wenn es uns Menschen nicht gäbe. Unser Ruf ins Dasein ist die freie Entscheidung seiner Liebe. Er wollte Menschen ins Leben rufen, um uns an der Fülle seiner Herrlichkeit teilhaben zu lassen, was die Quelle ewiger Freude ist. Jeden einzelnen hat er bei seinem Namen gerufen und ihm die Gottähnlichkeit als seine Gabe eingepflanzt.

Auf vielfältige Weise können wir Gottes Liebe erkennen: in dem wunderbaren Lied seiner uns anvertrauten Schöpfung, in seiner täglichen Sorge um uns, in der Gegenwart liebender Menschen, in all seiner unbegrenzten Mühe, uns gefallene Menschen aufzurichten und in sein Reich heimzuführen, in dem Zeugnis der Heiligen Schrift, in den Sakramenten der Kirche... .
Wer "Augen hat zu sehen und Ohren zu hören", der wird überall die Liebe Gottes entdecken, und je mehr die Augen und Ohren geöffnet sind, desto genauer erkennen wir diese Liebe auch in den schwierigen Situationen unseres Lebens.

Aber oft sind diese Augen und Ohren noch verschlossen oder nur wenig offen. Deshalb können wir die immerwährende Zuwendung Gottes zu uns nicht richtig wahrnehmen und vermuten gar manchmal das Gegenteil!

Ein Grund dafür mag sein, dass nicht wenigen Menschen ein liebendes Elternhaus fehlte, welches diese Liebe Gottes widerspiegeln und erfahrbar machen sollte. Gerade diese Urzelle menschlicher Gemeinschaft ist besonderen Angriffen ausgesetzt. So kennen wir immer seltener ein religiöses Zuhause mit einem gütigen Vater und einer in ihrer unermüdlichen Liebe sich schenkenden Mutter - wobei die Präsenz eines solchen Vaters noch weniger zu finden ist! Deshalb wachsen immer mehr Menschen ohne ein natürliches Urvertrauen auf und das Bild eines gütigen himmlischen Vaters, der voller Liebe nach seinen Kindern Ausschau hält, ist für viele höchstens noch ein Bild einer unbestimmten Sehnsucht nach einer verlässlichen Liebe.

Und doch ist Gott gerade so ein Vater!

Die Zerstörung vieler Familien ist jedoch nicht der einzige Grund, warum der Zugang zu einem liebenden Vaterbild so schwierig ist. Wir finden dafür schon eine Begründung in dem Geschehen des Sündenfalls und in seinen Folgen.

In der Versuchungsgeschichte, wie sie uns die Bibel schildert, tritt der Verführer an den Menschen heran und versucht ihm ein anderes Gottesbild zu vermitteln, als es der Wahrheit entspricht. Gott wird nicht mehr als der gütige Vater bezeichnet, der mit den Menschen im Paradies einen vertrauten Umgang pflegt und ihnen alle notwendigen materiellen Güter zur Nahrung und Freude gibt. Stattdessen wird das Bild eines Gottes gezeichnet, der dem Menschen durch ein Verbot verwehrt, „wie Gott zu sein„ und „Gut und Böse zu erkennen„, ihm also etwas Erstrebenswertes missgönnt (vgl. Genesis 3)!

Welch eine verhängnisvolle und intrigante Lüge! Gott hat den Menschen als sein Abbild geschaffen und gerade Gott sollte nicht wollen, dass der Mensch ihm ähnlich sei? Später hören wir in den Berichten der Evangelien, wie Jesus uns einlädt, vollkommen wie der Vater im Himmel zu werden!

Aber diese Lüge gewinnt Raum im Menschen, der zunächst noch das Ansinnen des Verführers wie zurückweist und den richtigen Sachverhalt darstellt! Dann aber geht er in das Netz dieser Verführung und lässt sich von Reizen der Sinne fangen! (s. Genesis 3)

So hat die Lüge über Gott im Leben der Menschen Einzug gehalten und der Teufel hat die Saat des Misstrauens erfolgreich ausgestreut. Durch die darauffolgende Tatsünde, das Übertreten des Gebotes Gottes, ist es zur großen Katastrophe der Menschheit gekommen. Fortan konnte der Mensch nicht mehr im paradiesischem Zustand verweilen und die Mächte des Todes hatten über ihn Gewalt gewonnen. Die Folgen im Verhalten des Menschen zu Gott waren: der Mensch „versteckte„ sich nun vor Gott, und „fürchtete„ sich vor ihm! (s.Genesis)

Wir sehen also, daß der Teufel im Menschen zunächst das Bild des gütigen und liebenden Vaters zerstören oder in Zweifel ziehen wollte. Daran arbeitet er nun durch die ganze Geschichte hindurch. Der Mensch soll nicht das wahre, liebende Wesen unseres Vaters erkennen, diese Lüge durchschauen und sich voll Vertrauen in die für ihn ausgebreiteten Arme Gottes begeben!

Auch in jenen Menschen, die durch Jesus, der das wahre Bild des Vaters offenbart, den Zugang zum himmlischen Vater fanden, ist die Auswirkung dieser Lüge noch zu spüren. Oft ist noch nicht genügend Vertrauen zu Gott vorhanden, um ihr Leben der liebenden Vorsehung Gottes zu übergeben. Vielleicht ist dies nicht immer als eine aktive Furcht erkennbar! Aber in vielen Situationen des natürlichen und des geistlichen Lebens merken wir, daß wir der Liebe unseres Vaters nicht genug vertrauen und noch zu viele Unsicherheiten, Befürchtungen und Ängste unser Leben bestimmen!

Unser Vater möchte, daß wir ihm grenzenlos vertrauen! Wenn ein tiefes Vertrauen zu Gott wieder hergestellt und neu gefunden wird, können wir sogar auf dieser Erde etwas von dem Zustand des paradiesischen Menschen vor dem Sündenfall zurückgewinnen und in der Sicherheit dieser Gemeinschaft mit Gott die Aufgaben angehen und bewältigen, die uns Gott im Leben stellt!


1.) Die Liebe des Vaters ist wirksam in der Erschaffung des Menschen

"Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich!" (Genesis 1.26) - dies bezeugt uns die Heilige Schrift als den Willen Gottes und eine Mystikerin, welche gandenhaft eine Schau der Erschaffung des Menschen hatte, rief aus: „Jetzt weiß ich, warum Du die Menschen so sehr liebst!„

Wie könnte es anders sein, da Gott uns ja nach seinem Bilde schuf und der heiligste und innigste Beweggrund Gottes die Liebe ist, uns das Leben zu schenken? Und dies ist eine Liebe, die wir nicht aus uns kennen und erwarten konnten, denn Gott schuf uns ohne unser Zutun. Welche Fülle seiner Schöpferherrlichkeit hat er ausgegossen, um sich dem Menschen einzuschreiben, denn der Mensch ist sein Abbild, ihm ähnlich!

Manchmal können wir etwas von dem Entzücken Gottes erahnen, wenn wir ein neugeborenes oder kleines Kind sehen und unser Herz dem Kinde zufliegt, ohne daß es irgendetwas für uns getan hat. Es geschieht allein deswegen, weil es da ist. Da leuchtet etwas vom Geheimnis der Schönheit und Liebe Gottes auf, die er selbst in den Menschen hineingelegt hat. Diese Liebe, die z.B. ein Kind in uns erwecken kann, ist ein Strahl jener Liebe, die in Gott lebt, wenn er auf uns als seine Kinder schaut.

Hat Gott unser Leben nicht mit einem tiefen Geheimnis umhüllt, welches wir entschleiern dürfen? Spüren wir nicht wenigstens im Ansatz alle etwas Großes und Ewiges in uns, trotz all unserer Niederlagen und Begrenzungen? Merken wir nicht, daß unser Leben einen Sinn kennen muss, den wir zu entdecken haben und strecken wir uns nicht nach diesem Sinn aus? Wollen wir nicht „andere Menschen„ werden, Menschen, die mehr lieben können? Ahnen wir nicht, daß wir ein größeres Zuhause brauchen als diese Welt?

All das hat Gott mit der Gottebenbildlichkeit in uns hineingelegt, denn es ist die Suche nach ihm, die unser Leben bewegt. Die Liebe, in der er uns geschaffen hat, ist auch gleichzeitig die Quelle, nach der wir uns sehnen, nach der wir dürsten! Es ist das Wasser, das unseren Durst stillen wird, welches Jesus uns versprach! (Joh. 4,14)

Diese Liebe, die in unsere Existenz hineingegeben und der Grund unseres Daseins ist, vergegenwärtigt sich im Kommen eines jeden Menschen, der allein dadurch, dass er existiert, ein Zeugnis für das liebende "Ja Gottes" zum Menschen ist. Das gilt ohne Einschränkung, auch dann, wenn die äußeren Bedingungen, unter denen der neue Mensch zur Welt kommt, diese Liebe kaum widerspiegeln und er vielleicht nicht willkommen ist.
Gott hat uns nicht nur in seiner Liebe erschaffen, sondern er bleibt in dieser Liebe bei uns, um unser natürliches und übernatürliches Leben zu erhalten und zu formen. Er lädt zu einer freien Antwort auf diese Liebe ein, damit wir seine unendliche Liebe aufnehmen können und er bei uns, seinen Kindern, verweilen kann. Gott ist es also, der sein Geschöpf sucht, um es zu vollenden, seine liebende Vaterschaft mitzuteilen und mit dem Menschen in vertrauter Gemeinschaft zu leben, noch bevor der Mensch seine Antwort gibt! Der Mensch soll wissen, daß er von seinem himmlischen Vater bedingungslos geliebt ist und daß das "Ja Gottes" immer über seinem Leben steht! Der Mensch selbst ist es, der sich dieser Liebe gegenüber verschließen kann.


2.) Nach dem Sündenfall

Entzückte sich Gott an der Schönheit des Menschen in seinem ursprünglich geschaffenen Zustand, so zog er sich vom Menschen nicht zurück, nachdem dieser sein Gebot übertreten hatte und nicht mehr in der ungebrochenen Gemeinschaft mit ihm geblieben ist!

Gerade jetzt offenbarte der Vater noch mehr seine Liebe! Er berief Propheten, um durch sie zu den Menschen zu sprechen.

Je mehr das Böse in der Welt zunahm, wurde die Liebe des Vaters herausgefordert. Er offenbarte sich gerechten Seelen, damit sie jene belehrten, welche für die Unordnung verantwortlich waren (vgl.: "Das Leben zur Ehre des Vaters", S. 104).

Die häufige Unbelehrbarkeit des Menschen brachte es jedoch mit sich, daß der liebende Vater auch strengere Mittel heranziehen musste, um den Menschen zur Einsicht zu bringen, damit er von bösen Wegen abliess. Es ist wiederum dieselbe Liebe Gottes, die den Menschen nicht einfach dem Verderben anheim stellt, sondern alle Möglichkeiten ausschöpfen will, ihn von den Wegen des Unheils abzuhalten.

Gott geht nach dem Sündenfall mit den Menschen durch die Zeit, verweilt beim Volk Israel, das er sich als „sein Eigentum„ geschaffen hat und bereitet dieses Volk auf das Kommen seines Messias, seines eigenen Sohnes, vor.

Immer wieder umwirbt Gott sein oft störrisches Volk und ruft es mit zärtlichen Worten in die Gemeinschaft mit ihm zurück:

„Als Israel jung war, gewann ich ihn lieb, ich rief meinen Sohn aus Ägypten... . Ich war es, der Ephraim gehen lehrte, ich nahm ihn auf meine Arme. Sie aber haben nicht erkannt, daß ich sie heilen wollte. Mit menschlichen Fesseln zog ich sie an mich, mit den Ketten der Liebe. Ich war für sie wie die Eltern, die den Säugling an ihre Wangen heben. Ich neigte mich ihm zu und gab ihm zu essen...Wie könnte ich Dich preisgeben, Ephraim, wie Dich aufgeben, Israel?
Mein Herz wendet sich gegen mich, mein Mitleid lodert auf ... Ich traue mich Dir an auf ewig, ich traue Dich mir an um den Brautpreis von Gerechtigkeit und Recht, von Liebe und Erbarmen. Ich traue Dich mir an um den Brautpreis meiner Treue. Dann wirst Du den Herrn erkennen...„
(Auszüge aus dem Buch Hosea, Kapitel 2 und 11)

Doch wir erleben es immer wieder durch die Geschichte hindurch, daß der Mensch nicht auf die Liebe Gottes eingeht und sie unbeantwortet lässt. Die ganze Heilsgeschichte kann man als eine Liebesgeschichte betrachten, in der Gott immer wieder um seine Geschöpfe wirbt, aber oft Gleichgültigkeit oder gar Zurückweisung erfährt. Doch Gott zieht sich wiederum nicht zurück, sondern seine Liebe geht bis zum Äußersten.


3.) Gott sendet seinen Sohn und kommt in ihm selbst zu uns!

Wie kann der Vater mehr seine Liebe den Menschen erweisen, als daß er seinen Sohn zu ihnen sendet! In ihm ist er noch in einer anderen Weise gegenwärtig als in den Propheten, die in seinem Auftrag gesprochen haben. Der Vater kommt also selbst in seinem Sohn Jesus Christus. „Ich bin im Vater und er ist in mir„, erklärt uns Jesus, „wer auch immer mit mir ist, ist mit meinem Vater„, und „ich und der Vater sind eins„ (aus Johannes 17).

Gott, unser Vater, nimmt also in seinem Sohn selbst die Schuld der Menschen auf sich, stirbt in seinem Sohn am Kreuz und verlangt von sich selbst das Opfer, welches Abraham nicht bringen musste! Gott wohnt also jetzt nicht nur unter uns, sondern wird in der zweiten Person Mensch, um für immer mit uns verbunden zu bleiben.

„Seht, wie groß die Liebe des Vaters zu uns ist!„ Die Heilige Schrift wird nicht müde, das immer wieder auszudrücken und Jesu innigster Wunsch und Ausdruck seiner Liebe zum Vater ist es, daß sein Vater erkannt und geliebt wird!

Wenn wir das Leben Jesu betrachten, schauen wir oft auf seine Liebe zu uns. Mit Recht, denn sie ist eine unendlich große und geht bis in den Tod! Doch möchte Jesus, daß wir in ihm auch und zuerst die unendliche Liebe des Vaters zu uns erkennen! Er möchte ihn verherrlichen und ihm die ganz erlöste Menschheit darbringen, denn unser Vater wirbt unablässig um uns, Tag und Nacht!


4.) Gottes erbarmende Liebe für unseren geistlichen Weg

Aber es ist nicht so einfach für Gott, uns zu erreichen. Zu sehr sind wir dem irdischen Leben verbunden, zu sehr hat der Teufel das Bild Gottes verdunkelt oder versucht mit beklagenswertem Erfolg, die Menschen Gott vergessen zu lassen. Wie oft haben die Menschen zudem Angst vor Gott, sie kennen ihn nicht und beleidigen ihn mit Sünden grässlichster Art.

Aber Gott hört trotzdem nicht auf zu lieben. Jedem Menschen bietet er die Umkehr und damit die Heimkehr an - in jedem Augenblick! Gott hört niemals auf zu warten und sich um uns zu bemühen: in der Sendung des Heiligen Geistes, in der Heiligen Eucharistie, in seinem Wort, indem er zu unserem Inneren spricht, indem er die Kirche als den Anfang des Gottesreiches errichtet - indem er Menschen von innen erleuchtet, prophetische Weisungen schenkt, liebende Menschen schickt und uns durch seine Engel behütet. Kein Weg ist ihm zu weit, keine Mühe zu groß, keine Arbeit zu schwer, kein Dienst zu gering, um uns zu finden. Engel und Menschen, die von seiner Liebe erfüllt sind, versuchen dasselbe zu tun: immer geht es darum, den Menschen Kunde von der Liebe des himmlischen Vaters zu bringen, diese zu vergegenwärtigen und ihm auf dem Weg in die Ewigkeit beizustehen!

Gott hat also selbst sein liebendes Herz für uns geöffnet und all das, was wir über das geöffnete Herz Jesu hören und das liebende Herz der Jungfrau Maria, hat als Quelle das Herz unseres liebenden Vaters, von dem alles kommt und zu dem alles geht! So ist dieses göttliche Herz gegenwärtig am Kreuze Jesu, in der Heiligsten Eucharistie, im Einwohnen des Heiligen Geistes.

Das Verlangen Gottes nach uns ist so groß, daß er seine Herrlichkeit verlässt, um in Jesu wie ein armer Mensch unter uns zu weilen, zu leiden, Verspottung zu erdulden, das Kreuz der Erniedrigung auf sich zu nehmen und den Tod eines Verbrechers zu sterben. All das tut der Vater um unsretwillen, weil er uns liebt und um seine Geschöpfe als seine Kinder wirbt!

Verstehen wir nun besser, warum wir das Haus unseres Lebens und das Haus des geistlichen Lebens auf dieser Liebe aufbauen können, ja sie die Grundlage eines gesundes Weges der Nachfolge Christ ist?
Diese Liebe Gottes hört ja nie auf und sie meint uns persönlich. Zur gleichen Zeit gilt sie der ganzen Menschheit: der vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen.


Immer können wir auf dem Weg der Heiligkeit zu Gott kommen: wenn wir Fehler machen, wenn wir an die Wurzeln unserer tiefen Gottesferne stoßen, wenn wir in Sünden fallen, die wir schon längst überwunden geglaubt haben, wenn wir scheinbar immer wieder von vorne anfangen müssen: sein liebendes Erbarmen wird uns wieder und wieder aufrichten und stärken, damit wir den Weg weitergehen können, zu dem er uns gerufen hat! Er bietet uns die Gnade der Beichte an, damit wir im Blut seines Sohnes reingewaschen werden und neu das Erbarmen Gottes aufnehmen.

So hält Gott nach uns Ausschau, um bei uns zu wohnen und bittet um unser Vertrauen. Vielleicht wollen wir ja vertrauen und uns bedingungslos in seine Arme werfen, aber irgendetwas hindert uns. Dann sind wir eingeladen, gerade das, was uns hindert - ob wir es wissen oder nicht - Gott zu übergeben und ihn um die Verinnerlichung seiner Liebe zu bitten. Wenn wir wüssten, wie sehr Gott auf uns wartet, dann würden wir keinen Tag zögern, zu ihm zu kommen.

Ist es aber nicht gerade das, was wir als Menschen brauchen - eine bedingungslose Liebe, die wir nicht nur theoretisch kennen und ersehnen, sondern die sich ganz konkret zeigt. In Gott ist sie so sehr gegenwärtig, daß sie sich für uns verzehrt.

Vielleicht können wir nicht glauben, daß uns jemand so lieben kann, z. B. wegen unserer Sünden, unserer Schwächen, weil wir eine solche Liebe noch nie erfahren haben und weil wir uns nicht würdig für eine solche Liebe fühlen!

Aber Gott kann gar nicht anders als lieben, denn er ist die Liebe selbst! Gott würde sich gegen sich selbst erheben, wenn er sich nicht immer für die Liebe entscheiden würde, um dies menschlich auszudrücken! Und deshalb hört diese Liebe auch dem größten Sünder gegenüber nicht auf, ja sie wartet auf ihn in unendlicher Geduld, ob dieser nicht doch noch im den letzten Augenblicken seines Dasein heimkehren wird?

Wir können uns als Menschen kaum eine solche Liebe vorstellen! Wir können sie ja auch nicht aus uns schöpfen, wir sind nicht selbst die Quelle einer solchen Liebe! Aber wir können diese Liebe kennenlernen, uns auf sie einlassen und sie dadurch immer mehr verinnerlichen. Sie ist uns nicht nur als eine Liebe gegeben, die auf uns zukommt, sondern auch als eine innewohnende Wirklichkeit, die unser ganzes menschliches Sein zu durchdringen und umzugestalten vermag!

Die große Umgestaltung von uns Menschen findet in der Nachfolge Christi statt, indem das neue Sein, was uns in der Taufe geschenkt wurde und durch unsere Bekehrung erweckt wird, sich entfaltet. So ist es genau diese Liebe des Vaters, die ich hier anfanghaft beschrieb, welche diese Umwandlung vollzieht. Auf den Wegen dieser ernsthaften Umwandlung werden wir immer wieder auf unsere Begrenzungen stoßen, ja manchmal Dinge entdecken, die uns gar nicht gefallen und auch nicht gefallen können. Gerade in diesen Moment ist es wichtig, sich die erbarmende Liebe Gottes zu vergegenwärtigen, die uns ja auf diesen Weg gerufen hat und uns immer wieder stärken und aufrichten möchte. Wir können in der Tiefe gar nichts Wesentliches verkehrt machen, wenn wir dieser Liebe vertrauen und täglich versuchen in ihr zu leben!

So sind wir eingeladen, mit Mut diesen Weg der Nachfolge Christ zu gehen - ohne Leichtsinn und in falschem Vertrauen auf unsere eigenen vermeintliche Stärken - aber in felsenfestem Vertrauen auf die Liebe unseres himmlischen Vaters! Sie hat uns gerufen und hält uns in jedem Abschnitt unseres Weges, stützt uns und steht uns in allen Schwächen bei!

So wird Gott, der uns geschaffen und erlöst hat, uns auch vollenden.